Montag, 8. Mai 2006

...

K. war telephonisch verständigt worden, daß am nächsten Sonntag eine kleine Untersuchung in seiner Angelegenheit stattfinden würde. Man machte ihn darauf aufmerksam, daß diese Untersuchungen regelmäßig, wenn auch vielleicht nicht jede Woche, so doch häufiger einander folgen würden. Es liege einerseits im allgemeinen Interesse, den Prozeß rasch zu Ende zu führen, anderseits aber müssten die Untersuchungen in jeder Hinsicht gründlich sein und dürften doch wegen der damit verbundenen Anstrengung niemals allzulange dauern. Deshalb habe man den Ausweg dieser rasch aufeinanderfolgenden, aber kurzen Untersuchungen gewählt. Die Bestimmung des Sonntags als Untersuchungstag habe man deshalb vorgenommen, um K. in seiner beruflichen Arbeit nicht zu stören. Man setze voraus, daß er damit einverstanden sei, sollte er einen anderen Termin wünschen, so würde man ihm, so gut es ginge, entgegenkommen. Die Untersuchungen wären beispielsweise auch in der Nacht möglich, aber da sei wohl K. nicht frisch genug. Jedenfalls werde man es, solange K. nichts einwende, beim Sonntag belassen. Es sei selbstverständlich, daß er bestimmt erscheinen müsse, darauf müsse man ihn wohl nicht erst aufmerksam machen. Es wurde ihm die Nummer des Hauses genannt, in dem er sich einfinden solle, es war ein Haus in einer entlegenen Vorstadtstraße, in der K. noch niemals gewesen war.

[…]

Sonntag war trübes Wetter. K. war sehr ermüdet, da er wegen einer Stammtischfeierlichkeit bis spät in die Nacht im Gasthaus geblieben war, er hätte fast verschlafen. Eilig, ohne Zeit zu haben, zu überlegen und die verschiedenen Pläne, die er während der Woche ausgedacht hatte, zusammenzustellen, kleidete er sich an und lief, ohne zu frühstücken, in die ihm bezeichnete Vorstadt. Eigentümlicherweise traf er, obwohl er wenig Zeit hatte, umherzublicken, die drei an seiner Angelegenheit beteiligten Beamten, Rabensteiner, Kullich und Kaminer. Die ersten zwei fuhren in einer Elektrischen quer über K.s Weg, Kaminer aber saß auf der Terrasse eines Kaffeehauses und beugte sich gerade, als K. vorüberkam, neugierig über die Brüstung. Alle sahen ihm wohl nach und wunderten sich, wie ihr Vorgesetzter lief; es war irgendein Trotz, der K. davon abgehalten hatte, zu fahren, er hatte Abscheu vor jeder, selbst der geringsten fremden Hilfe in dieser seiner Sache, auch wollte er niemanden in Anspruch nehmen und dadurch selbst nur im allerentferntesten einweihen; schließlich hatte er aber auch nicht die geringste Lust, sich durch allzu große Pünktlichkeit vor der Untersuchungskommission zu erniedrigen. [Anm.: Word zeigt an, dass der Satz zu lang ist. Wie hätte Kafka mit der Selbsttechnologie Grammatikprüfung geschrieben?] Allerdings lief er jetzt, um nur möglichst um neun Uhr einzutreffen, obwohl er nicht einmal für eine bestimmte Stunde bestellt war.

[…]

So kamen sie rasch aus der Stadt hinaus, die sich in dieser Richtung fast ohne Übergang an die Felder anschloß. Ein kleiner Steinbruch, verlassen und öde, lag in der Nähe eines noch ganz städtischen Hauses. Hier machten die Herren halt, sei es, daß dieser Ort von allem Anfang an ihr Ziel gewesen war, sei es, daß sie zu erschöpft waren, um noch weiter zu laufen. Jetzt ließen sie K. los, der stumm wartete, nahmen die Zylinderhüte ab und wischten sich, während sie sich im Steinbruch umsahen, mit den Taschentüchern den Schweiß von der Stirn. Überall lag der Mondschein mit seiner Natürlichkeit und Ruhe, die keinem anderen Licht gegeben ist.

[…]

Schließlich ließen sie K. in einer Lage, die nicht einmal die beste von den bereits erreichten Lagen war. Dann öffnete der eine Herr seinen Gehrock und nahm aus einer Scheide, die an einem um die Weste gespannten Gürtel hing, ein langes, dünnes, beiderseitig geschärftes Fleischermesser, hielt es hoch und prüfte die Schärfe im Licht. Wieder begannen die widerlichen Höflichkeiten, einer reichte über K. hinweg das Messer dem anderen, dieser reichte es wieder über K. zurück. K. wußte jetzt genau, daß es seine Pflicht gewesen wäre, das Messer, als es von Hand zu Hand über ihm schwebte, selbst zu fassen und sich einzubohren. Aber er tat es nicht, sondern drehte den noch freien Hals und sah umher. Vollständig konnte er sich nicht bewähren, alle Arbeit den Behörden nicht abnehmen, die Verantwortung für diesen letzten Fehler trug der, der ihm den Rest der dazu nötigen Kraft versagt hatte. Seine Blicke fielen auf das letzte Stockwerk des an den Steinbruch angrenzenden Hauses. Wie ein Licht aufzuckt, so fuhren die Fensterflügel eines Fensters dort auseinander, ein Mensch, schwach und dünn in der Ferne und Höhe, beugte sich mit einem Ruck weit vor und streckte die Arme noch weiter aus. Wer war es? Ein Freund? Ein guter Mensch? Einer, der teilnahm? Einer, der helfen wollte? War es ein einzelner? Waren es alle? War noch Hilfe? Gab es Einwände, die man vergessen hatte? Gewiß gab es solche. Die Logik ist zwar unerschütterlich, aber einem Menschen, der leben will, widersteht sie nicht. Wo war der Richter, den er nie gesehen hatte? Wo war das hohe Gericht, bis zu dem er nie gekommen war? Er hob die Hände und spreizte alle Finger.

Aber an K.s Gurgel legten sich die Hände des einen Herrn, während der andere das Messer ihm tief ins Herz stieß und zweimal dort drehte. Mit brechenden Augen sah noch K., wie die Herren, nahe vor seinem Gesicht, Wange an Wange aneinandergelehnt, die Entscheidung beobachteten. »Wie ein
Hund!« sagte er, es war, als sollte die Scham ihn überleben.


In: KAFKA, Franz (1960): Der Prozeß. Fischer, Frankfurt/Main. S. 28ff., S. 164f.

Sonntag, 7. Mai 2006

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Das Basteln am Blog ist ein paar Tage lang interessant, dann wird es langweilig. Gleiches gilt für das Aktualisieren der Input-Anzeige. Die wenigsten Blogs werden regelmäßig aktualisiert. Da man irgendwann alles ausprobiert hat, und der Spass daran abnimmt, braucht es Disziplin, den Blog regelmäßig mit Inhalt zu füllen. Im Rahmen eines Projektmoduls mit benotetem Schein ist diese Disziplin da. Aber ich könnte mir mittlerweile nicht mehr vorstellen, einen Blog außerhalb eines wie auch immer gestalteten Projekts – sei dies eine zu erzählende Geschichte, ein Informationsblog oder was auch immer – zu haben. Es wird schlicht langweilig. Mein Projekt hat sich von einer Anfangseuphorie, in der viele Ideen und Texte entstanden sind, mittlerweile zu dem Punkt entwickelt, an dem ich dies hier ohne Disziplin nicht mehr schreiben würde. Ich muss mich, so leid es mir für eventuelle Leser tut, dazu zwingen.

Das hat sicherlich auch damit zu tun, dass sich einerseits die Struktur nicht so entwickelt hat, wie ich es mir irgendwie doch erhofft habe, andererseits auch damit, dass die Themen sich verausgabt haben:

- Was die Arbeit zur Policey angeht, weiß ich, dass ich sie in diesem Rahmen unmöglich so fundieren könnte, dass sich darauf etwas aufbauen ließe. Die Weiterführung dieses Strangs verhindert sich also selbst.

- Toto & Harry verlieren ihren Charme mit der Zeit.

- Und was letztlich Foucault angeht: desto intensiver ich mich mit der Gouvernementalität beschäftigt habe, desto unklarer wurde mir das ganze Konzept. Reicht es wirklich, die theoretischen Probleme beiseite zu lassen, und die produktiven Anschlussmöglichkeiten zu nutzen? Ich weiß es nicht, aber es erscheint mir mittlerweile sinnvoller, als an Fragen hängenzubleiben, die keine Antwort finden, vielleicht keine Antwort finden können.

Zum Glück konnte das Projekt von Anfang an nicht scheitern…

Donnerstag, 4. Mai 2006

Für einen noch abzuhaltenden Fernsehabend

Ich möchte den heutigen Abend mit zwei Rechtfertigungen beginnen. Die erste Rechtfertigung wäre eine Antwort auf einen von manchen Seiten erwartbaren Vorwurf: Was zum Teufel hat Philosophie im Fernsehen zu suchen? Dass sie nur in Büchern stattfände, wäre ein leicht zu widerlegender Einwand: Platons Schriftkritik ließe sich als Buchkritik lesen.

Eine zweite Rechtfertigung, die die erste überkreuzt, aber nicht schneidet, möchte begründen, warum hier keine der bekannten Sendungen wie Philosophie Heute oder Sternstunde Philosophie behandelt werden. Diese Sendungen nämlich leiden unter einer – vielleicht sogar konstitutiven – Medienvergessenheit. Denn Philosophie im Fernsehen ist keine Philosophie, sondern Fernsehen. The Medium is the message, wie Marshall McLuhan, der kanadische Medientheoretiker in den 60ern sagte, nach dem übrigens unlängst das Besucherinformationszentrum in der neu eröffneten Kanadischen Botschaft in Berlin benannt wurde. Philosophie im Fernsehen ist also Fernsehen. Und was besagte Sendungen versuchen, ist Philosophie, reinrassige, akademische Philosophie, und kein Fernsehen. Unter einer Perspektive, die diese Sendungen innerhalb des Programms beurteilen würde, innerhalb dessen sie statthaben, würde ihnen zwar vielleicht einen Sonderstatus zubilligen. Dieser bestände letztlich aber nur darin, dass sie versuchen, entweder eine Form von Dialogizität zu etablieren, die dem Gespräch eigen ist, oder aber anhand von Bildern mehr oder minder mangelhaft eine Philosophie zu verdeutlichen. Es würde also Philosophie ins Fernsehen transformiert oder das Fernsehen zum Philosoph(v)ie(h)-Transport gemacht.

Ich möchte dies mit einem Beispiel verdeutlichen: Auf 3Sat laufen gelegentlich Aufnahmen von Theaterstücken. Wir sehen die ganze Bühne in einer Plansequenz, dann nur Hamlet und den Geist, von der linken Seite und zuletzt das verzerrte Gesicht Hamlets. Würde jemand behaupten, das, was wir gesehen haben, sei Theater?! Das Fernsehen – bzw. in diesem Fall die Kamera mit den Möglichkeiten des Films – transformieren das Theater zu etwas anderem, und heraus kommt ein intermediales Produkt. Nun ist es nicht so einfach, zu bestimmen, was Philosophie ist, und das soll auch gar nicht unsere Aufgabe sein. Zumindest können wir festhalten, dass das, was auf dem Bildschirm stattfindet, auf dem Bildschirm stattfindet. Es handelt sich um eine zusammengeschnittene Sendung, und die Bilder, die uns gezeigt werden, gibt es in dieser Konstellation so nicht.

Dem entgegen ließe sich ein anderes Konzept stellen: Durch das Rundfunkrecht ist jeder deutsche Fernsehsender mit einem Marktanteil von mehr als 10 % verpflichtet, einen geringen Teil des Programms unabhängigen Anbietern zur Verfügung zu stellen. Genau diese Regelung hat es dem Fernseh-, Filme- und Büchermacher Alexander Kluge ermöglicht, mit seiner Produktionsfirma DCTP das Nachtprogramm von Sat1, Vox und RTL zumindest einmal wöchentlich zu gestalten. Dabei sind neben vom russischen Formalismus beeinflussten Bild- und Toncollagen vor allem die Interviewsendungen interessant. Sicher, auch Kluge führt Interviews, die auf den ersten Blick im herkömmlichen Stil gehalten sind. Bei genauerer Betrachtung offenbart sich aber eine entscheidende Differenz: Bei LINK Alexander Kluges Interviews kommt es zu keinem Dialog, den man so auch außerhalb des Fernsehens halten würde, selbst wenn eine Umsetzung ins Radio denkbar wäre.

Was also macht die Differenz zwischen den Interviews von Kluge und anderen Philosophiesendungen aus? Bei meinen Überlegungen stütze ich mich auf einige Bemerkungen von Joseph Vogl, Professor für Geschichte und Theorie künstlicher Welten an der Bauhaus-Universität Weimar, und fast zwanzigfacher Gast Kluges.

Es handelt sich bei den Interviews, die Kluge führt, nämlich nicht um Expertengespräche. Hier spricht nicht ein Unwissender mit einem Wissenden, auch kein Fragender mit einem Gefragten. Es handelt sich genauso wenig um ein Ping-Pong-Spiel. Vielmehr betritt jede Frage (von Nachfragen einmal abgesehen) Neuland, ist unerwartet für den Gefragten, vielleicht auch für den Fragenden, die gerade so eine Einheit bilden in dem, was erzählt wird. Das, was erzählt wird, ist nämlich nicht das Gespräch, sondern das, was wir sehen, die Sendung, Prime Time, 10 vor 11 oder das Mitternachtsmagazin. Eine Antwort ist in diesem Spiel jedoch verboten: „Das weiß ich nicht“ darf der Gefragte nie sagen. Kluge versucht damit, den Zuschauer zu integrieren, ihn selbst Relationen erzeugen zu lassen, ihn die Kontexte neu zusammensetzen zu lassen.

Aus erfahrener Quelle ließ sich nun vernehmen, dass diese Interviewsituation Interviewten keine angenehme Position zuteilen würde. Man werde nämlich im Antworten zum Zeugen der Antwort, durchaus auch im doppelten Sinn des Wortes zu verstehen. Diese Personalisierung der Antwort führt letztlich zu einer Entchristiansenierung, und vielleicht sogar zu einer Entchristianisierung des Fernsehens, einer Ablösung vom Geständnischarakter vieler Interviews und Talkshows, durch die Mittel des Fernsehens.

Es geht damit in diesen Gesprächen um eine sinnliche Intelligenz, um Kurzschlüsse zwischen Geschichten und Begriffen, die sich nicht auf eine rationale Herleitung zurückführen lassen. Es wird nicht logisch gefragt, und all das lässt sich zweifach rechtfertigen: einerseits handelt es sich eben um Fernsehen und nicht um Philosophie, und das Medium Fernsehen erfordert eine andere Art zu reden als die Philosophie. Zweitens: Diese Art zu reden ließe sich, wie noch ausgeführt werden müsste, auch aus Kluges eigenen Überlegungen und Filmen rechtfertigen. Vielleicht spiegelt sich in Kluges Sendungen so etwas wie ein Denken des Fernsehens, eine Reflexion jedenfalls des Fernsehens mit Mitteln des Fernsehens auf das Fernsehen.

Mittwoch, 3. Mai 2006

Einladung

Der Blog soll würdig in den Untiefen thematischer Ungenauigkeiten begraben werden. Dazu möchte ich alle interessierten herzlich einladen:

Philosophischer Abend des Fachschaftsrats Philosophie:

"Michel Foucault: Technologien des Selbst, Technologien des Studierens, Technologien der Regierung";

Dienstag, 09.05.2006, um 20.00 Uhr, im "Absinth", Rottstr. 24, Bochum-Innenstadt

Dienstag, 2. Mai 2006

Klugesein macht klug

Alexander Kluge-Gucken ist wie Foucault-Lesen: man fühlt sich auf der richtigen Seite. In der Opposition, bei jemandem, der – mal schön, mal weniger schön – sich entgegenstellt. Ist nicht gerade dieses Verlangen, sich selbst auf der dem ‚Establishment’ entgegengesetzen Seite zu positionieren, eine Art Selbsttechnologie? Man ordnet sich damit ein, kategorisiert sich einer bestimmten politischen, kulturellen oder sozialen Rasterung entsprechend und erzeugt so ein Wissen über sich selbst, entsprechend dem, wie man sein sollte, wenn man nicht zum ‚Mainstream’ gehört. So erlangt der Protestierende schon dadurch, dass er protestiert, „einen bestimmten Zustand von Vollkommenheit, Glück, Reinheit, übernatürlicher Kraft“. [1]

Es geht mir also darum, über die ‚Seite’ nachzudenken, von der aus Foucault gelesen wird (und nicht darum, zu behaupten, dass Foucault selbst so gedacht oder gehandelt hätte). Sich in der Opposition zu befinden, scheint meiner Erfahrung nach für viele Menschen ein Anreiz zu sein, selbst schon ein Ziel, ein Selbstzweck – eben weil die Opposition dadurch, dass sie opponiert, schon gut ist.

Auch Kluge beschreibt dieses Verhalten seiner Zuschauer, allerdings in einem Interview von 1994, als die Interviews, die mich hier interessieren und zu denen demnächst ein Posting erscheinen wird, noch nicht den größten Teil seiner Sendungen ausmachten:

„Ich weiß nur, dass ich unterdurchschnittliche Mengen an Akademikern habe, und absolut überdurchschnittlich viele, die vom zweiten Bildungsweg kommen, von Menschen, die Sprachkurse besiedeln... Das heißt, wer noch etwas lernen will und sich weiterentwickelt, der ist in diesen Sendungen überdurchschnittlich präsent.“ [2]

[1] FOUCAULT, Michel: (1984): Von der Freundschaft als Lebensweise: Michel Foucault im Gespräch. Berlin, Merve Verlag. S. 35

[2] DEUBER-MANKOWSKY, Astrid/SCHIESSER, Giaco: In Echtzeit der Gefühle. Gespräch mit Alexander Kluge. In: SCHULTE, Christian (2000; Hrsg.): Die Schrift an der Wand. Alexander Kluge: Rohstoffe und Materialien. Universitätsverlag Rasch, Osnabrück.

Montag, 1. Mai 2006

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Es könnte also sein, dass ich nicht der bin, als der ich erscheine. Verwechselt mich vor allem nicht!

Geständnisse

Es ist Teil des Projektes, dass ich ständig gestehe, wie ich arbeite, wo meine Probleme liegen, was schief läuft. Es ist nicht einfach nur Affirmation, nicht einfach nur die Idee, alles zu dokumentieren und selbst die Kritik am Projekt zu einem Teil des Projektes zu machen, sondern auch eine Auseinandersetzung damit, wie ich über das Schreiben an der Arbeit rede – und mich so selbst verstehe. Ich lerne durch dieses Projekt über mich, beispielsweise wie ich gestehe, dass ich den Zwang fühle, zu gestehen, wo die Probleme der Arbeit liegen, und wie ich versuche, aus diesem Zwang ein, wie erläutert, affirmatives Geschehen zu machen. Man könnte auch sagen, dass ich mich so kurz vor meiner Master-Arbeit schlicht darum sorge, wie ich diese Arbeit schreiben soll. Auch das könnte ein Geständnis sein – oder aber nur eine nach außen wirksame Rechtfertigung für dieses Projekt.

Sonntag, 30. April 2006

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Die Übertragung meines Wissens, meiner Ideen, meiner Wünsche in den Blog bedeutet auch, dass ich bestimmte Aspekte dessen, als was ich mich sehe, in ein symbolisches Universum übertrage, verschiedene Symbolsysteme nutze, um mich erfahrbar zu machen. Dabei bleiben einerseits bestimmte Aspekte (mp3, 347 KB)unübertragbar, andererseits formiere ich so ein Wissen von mir für andere, die es lesen können und wirke so rückwirkend auch auf mich selbst ein. Vor der Übertragung in Schrift, in mediale Strukturen, in symbolische Ordnungen gibt es mich noch nicht. Diese Übertragung ist die grundsätzliche Voraussetzung für zeitlich versetzte Reflexion und Artikulation, für Abstand zu sich selbst und damit sich Selbst. Ich verlege mich ins Medium Blog, das so nicht nur Möglichkeiten und Potentiale zur Beschreibung anbietet, sondern durch diese Begrenzung mich erst erschafft. Das Subjekt, das ich mir als mich vorstelle, ist eine Mannigfaltigkeit, die sich in manchem, was auf dieser Seite zu sehen ist, wieder findet, und der transzendentalen Illusion unterliegt, sich dadurch zu integrieren.

Rückkehr

Wieder da.

Um nur einen kurzen Abriss dessen zu geben, was an der Tagung für den Blog relevant war, die Abschlussdiskussion:

Wolfgang Hagen erarbeitete in seinem Vortrag die diskursiven Bedingungen der Physik, ihren Zusammenhang mit der Äthertheorie und parallelisierte dies mit der Situation der Medientheorie. So wie in der Physik weiterhin Konzepte des Äthers und der Einwirkung virulent blieben, so ist auch der an den Äther gekoppelte Medienbegriff in der Medientheorie weiterhin in Gebrauch. Dieser Zusammenhang ist mir allerdings noch nicht ganz klar, dafür muss ich mir den Vortrag nochmal anhören. So könnte man jedenfalls Medienwirkungsforschung und all den Mist herleiten - und schöne Gegenargumente finden. Höhepunkt der Tagung war jedenfalls die abschließende Diskussion nach Hagens abschließendem Vortrag. Lorenz Engell merkte zunächst an, dass die Epistemologie der Medien, die Hagen anvisiere, vor dem gleichen Problem stünde, das Hagen kritisiert habe: Wo ist die Position des Subjekts, das spricht? Foucault stand vor dem Problem, dass seine Position als Historiker und die Bedingungen seines Forschens aus den Humanwissenschaften entstanden sind, die er in Die Ordnung der Dinge untersucht und kritisiert. Wenn also die Humanwissenschaften erst die Position FOucaults ermöglichen, wie kann er dann die Humanwissenschaften kritisieren? Dies habe man, so Engell, zu Zeiten, als man das noch durfte, 'hermeneutischer Zirkel' genannt. Für Foucault ist entsprechend die Archäologie der Archäologie nicht möglich - und das ist sehr problematisch, was seine eigene Position angeht. Die Beobachtung produziert den Beobachter, der beobachtet und so seine Voraussetzung produziert.

Hagen erwiderte darauf, dass der Ort, von dem das Wissen operiert, sich in Diskursen finde, die entropisch keinem Prinzip folgen - deshalb der Bezug auf die Aussagen, auf die enoncés. Das anthropische Prinzip, das nach dem Menschen in diesen Prozessen fragt, sollte von Foucault verabschiedet werden. Es geht nicht um Intentionen, um Ideen, um Subjekte. Diskurstheorie funktioniert nicht im anthropischen Prinzip - und entsprechend auch keine users&gratification-THeorie der Medien.

Medientheorie ist damit in der gleichen Lage wie die Astrophysik, weil beide dem anthropischen Irrtum unterliegen. DIe Astrophysik verfügt, wie Bernhard Siegert eindrucksvoll untermauerte, über nichts als Zeichen und Medieninhalte. Die Bilder der Wissenschaft sind nicht mehr funktional, wenn, wie SIegert in Die Passage des Digitalen gezeigt hat, mathematische Matrizen und Computer Bilder rechnen können. Mit Maxwell bereits vollziehe sich ein Riss zwischen den Zeichen der Mathematik und den SIgnifikaten, der in die Frage umgemünzt werden kann, warum Formeln Worte und Dinge unterstellt werden.

Die Frage nach dem Subjekt ist nicht nur die Frage nach dem Subjekt. Sie berührt auch, egal, wie man sie angeht, all die gegenwärtigen Probleme der Medientheorie, vor allem natürlich der um den Menschen, um den Konsumenten formierten Medientheorie. Diese ist von der Suche nach einer direkten Übertragung besessen, wie die Physik den Äther auszuschließen versucht.

Hagens letzter Satz soll hier als letzter Satz für dieses Posting geklaut werden:

"Ich beobachte viele Störungen und bin eine Störung."

Selbsttechnologien Medientechnologien

Projektarbeit für das Seminar Medientechnologien/ Selbsttechnologien, Prof. Dr. Eva Warth und Hanna Surma, an der Ruhr-Universität-Bochum, Wintersemester 2005/2006 - Sommersemester 2006

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